Lektion 4 of 4
In Progress

Vier Stadien einer spirituellen Transformation

Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.

Laotse

Jede*r von uns ist vollkommen einzigartig und der Sinn und Zweck unseres Lebens – egal ob Vorstandsvorsitzende*r, Hausfrau/ Hausmann oder Sozialarbeiter*in – haben den gleichen Wert. Unsere Verantwortung, so wie ich es sehe, besteht darin, Umgebungen zu erschaffen, in denen andere gedeihen können und darin, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Um unsere Bestimmung erfüllen zu können, kann es hilfreich sein, den Lebenszyklus eines Schmetterlings zu untersuchen.

Schmetterlinge verkörpern die Unausweichlichkeit unseres Weges zur Bewusstheit. Genauso wie es Tausende von Schmetterlingsarten gibt, so ist auch jede*r von uns ganz und gar einzigartig, und doch führt uns der Vorgang der Transformation letztendlich alle zum selben Ziel.

Es gibt vier Phasen, die der Schmetterling bei seiner Transformation durchläuft: vom Ei über die Raupe und zur Puppe, bis er schließlich seine endgültige Anmut und Schönheit als Schmetterling erfährt. Diese Stufen durchlaufen auch wir auf unserer Reise vom Unbewussten, das von der Persönlichkeit dominiert wird, zur Bewusstheit, was die Verbindung mit der Seele ist.

Das Ei

Der einzelne Mensch im Stadium des Eies, der ersten Stufe der Transformation, ist unbewusst. Indem er stets gehorsam ist und die Regeln nie in Frage stellt, ist er auf das Wohlwollen seiner Umwelt angewiesen. Durch seine Passivität wird er von anderen kontrolliert, und sein Leben verläuft gewöhnlich ungeplant. Solche unbewussten Personen kaufen sich ein Lotterielos vom Leben und hoffen, dass sie – durch Glück, aber ohne Anstrengung, um bewusst zu werden – den großen Gewinn einstreichen. Männer und Frauen im Ei-Stadium fügen anderen und ihrer Umwelt keinen bewussten Schaden zu, aber genauso wenig tragen sie bewusst zu einer Verbesserung bei.

Die Raupe

Das zweite Stadium der Transformation ist das der Raupe. „Raupen“, die mit ihrem unersättlichen Appetit unsere Umwelt zerstört haben, haben unsere Welt und die Unternehmen gelenkt. Jemand, der sich im Raupen-Stadium seiner Transformation befindet, geht über Leichen, um seine egoistischen Ziele zu erreichen. Er oder sie will das meiste Geld haben und das Beste, das man davon kaufen kann, aber macht sich nur wenig Gedanken, wie die Bedürfnisse der anderen gestillt werden. Ich spreche nicht von Böswilligkeit, nur von einer Haltung des „Zuerst komme ich“. Rohstoffe existieren nur, um die Bedürfnisse der Raupe zu erfüllen. Menschen in diesem Stadium verhalten sich, als ob es sie gar nicht stört, wie viele Bäume sie fällen, wie viele Bodenschätze sie abbauen oder ob sie die Luft verschmutzen. Während man im Ei passiv und abhängig ist, geht die Raupe aggressiv und unabhängig vor. Obwohl sie immer noch kein neues Leben hervorbringen kann, ist die Raupe auf dem Weg der Transformation weiter als das Ei, weil sie Entscheidungen trifft. Sie wählt aus, welche Blätter sie frisst, und sie kann zu der Nahrung hin kriechen, die ihren Vorlieben entspricht.

Der Kokon

Die Verpuppung ist das dritte Stadium der Transformation, und sie stellt eine Zeit der Leere und der Neueinschätzung der eigenen Werte dar. Zur Verpuppung gehört entweder eine innere und/oder eine Zurückgezogenheit von der Welt und von den Werten, nach denen die Raupe gelebt hat. Berufstätige spinnen sich vielleicht ein, indem sie ihre hochbezahlte und sehr aufreibende Arbeit bei einem großen Unternehmen aufgeben und statt dessen als Selbständige von zu Hause aus arbeiten oder eine Stelle mit geringerem Einkommen annehmen, deren Werte dem größeren Wohl der Welt dienen. Eine Verpuppung findet auch statt, wenn sich jemand ein Sabbatjahr nimmt, um zu meditieren und über den Sinn des Lebens nachzudenken, oder aufs Land zieht, weil er/sie sich nach einer friedvolleren Umgebung sehnt. Sie könnten sich einspinnen und dennoch an ihrem jetzigen Arbeitsplatz bleiben, aber sich entschließen, nur noch acht statt zwölf Stunden pro Tag zu arbeiten, keine Arbeit mehr mit nach Hause nehmen und die Abende und Wochenenden statt dessen mit der Familie und Freunden verbringen. Das Einspinnen in einen Kokon ist eine innere Zeit. An der Oberfläche scheint es so, als ob nicht viel passieren würde, aber im Innern des Kokons ist die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling in vollem Gange.

In dieser Zeit unserer menschlichen Evolution durchleben viele Männer und Frauen gerade diesen Kokon-Zustand. Sie wissen, dass ein Ei oder eine Raupe zu sein, keine Alternative mehr ist. Sie haben den Wunsch, ein Schmetterling zu werden, und weichen daher von ihrem alten Lebensweg ab, um sich zu besinnen und zu meditieren. Diese Menschen schaffen sich einen Freiraum, und so ermöglichen sie es dem Universum, ihren Transformationsprozess zu vollenden. Wir werden zu dem, was wir sein sollen, und indem wir uns dem göttlichen Willen anheimgeben, geschieht die Transformation auf natürlichem Wege.

Der Schmetterling

Der Schmetterling ist die letzte Stufe im Transformationsprozess. Männer und Frauen im Schmetterlings-Stadium sind frei von gesellschaftlichen Normen und den Trieben ihrer Persönlichkeit. Früher traf man sie häufiger am Rande der Gesellschaft an und sah sie einen alternativen Lebensstil führen. Oft waren es Frauen und Männer, die als Handwerker, Künstler, Schriftsteller, Umweltaktivisten, gesellschaftlich Aktive, Heiler, spirituelle Lehrer arbeiteten, oder sie vermittelten der Welt auf andere Art Schönheit, Liebe und Weisheit. Früher gab es in den traditionellen Berufen weniger Schmetterlinge, aber ich glaube, dass ihre Zahl stetig zunimmt.

Aufgrund des Wirtschaftsabschwungs, der zunehmenden Gewalt und der Bedrohung durch Kriege in der ganzen Welt und der Zunahme von Umweltkatastrophen hinterfragen die Menschen aller Gesellschaftsschichten ernsthaft die alten Paradigmen des grenzenlosen Wachstums und des immer Mehr für „mich“, auf denen der Großteil unserer Unternehmen beruht. Die Raupe in Unternehmen stirbt aus und viele Menschen befinden sich schon weit im Kokon-Stadium, auf der Suche nach einer neuen Art des Seins und Tuns in der Welt. Diese neue Art ist die des Schmetterlings.

Schmetterlinge ernähren sich von Nektar und Wasser und sind Geschöpfe der Schönheit, die auf ihrem Wege nichts zerstören. Schmetterlinge brüten auch, sind fruchtbar und erschaffen Eier, um den Fortbestand ihrer Art zu sichern. Aber sie tun noch mehr: Sie fliegen von Blüte zu Blüte, bestäuben sie und sichern so das Überleben anderer Arten auf der Welt. Schmetterlinge sind Wesen der Luft und der Seele und sie sind, anders als Raupen, nicht erdverhaftet. Sie sind zart und können leicht von einer unfreundlichen Umgebung beschädigt werden. Aber sie sind auch ausdauernd und können – wie der Monarchschmetterling – Tausende von Meilen zurücklegen, um in der passenden Umgebung neues Leben hervorzubringen.

Schmetterlinge sind diejenigen seelenerfüllten Frauen und Männer, die anderen auf ihrem Pfad zur Bewusstheit beistehen. Fruchtbar und kreativ, beschleunigen sie das neue Wachstum bei anderen Menschen und in den Unternehmen, für die sie sich einsetzen. Während wir in den vierten (den Schmetterlings-) Zyklus der menschlichen Evolution eintreten, werden diese seelenerfüllten Menschen die Vorreiter und Wegweiser sein für die Prinzipien der Interdependenz. Sie sind die Pioniere, die dabei helfen werden, dem neuen Paradigma des Mitschöpfertums in unseren Organisationen, in unseren Freundschaften und in unserer Welt zur Geburt zu verhelfen.

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